Die Herstellung von künstlichem Gewebe und Organen mit 3D-Drucktechnologien ist keine Zukunftsmusik mehr. Biofabrikation und Bioprinting gehören heute zu den wichtigsten Technologien in der biomedizinischen Forschung. Die VDI-Richtlinie 5708 Blatt 1 schafft erstmals einen technischen Standard für Bioprinting und definiert klare Anforderungen an Prozesse und Verfahren.
„Biofabrikation“ bezeichnet die Gesamtheit aller Technologien, bei denen biologisches Gewebe hergestellt wird. Die Bandbreite der existierenden Methoden und Möglichkeiten ist dabei erheblich. Sie reicht von Mikromanipulationen oder Bioassemblierung über Zellgussverfahren (auch genannt „cell casting“) bis hin zu zellulären Selbstorganisationsprozessen (z. B. Organoide aus Stammzellen). Der globale Markt für Biofabrikation soll in den nächsten zehn Jahren ein Volumen von über 30 Milliarden US-Dollar erreichen.
„Bioprinting“ ist ein Verfahren der Biofabrikation, bei dem eine Struktur mittels additiver Fertigung Schicht für Schicht aufgebaut wird – zumeist aus polymeren Hydrogelen als Trägermaterial für Zellen und Additive. Besonders geeignet ist Bioprinting für Aufgabenstellungen, die präzises und komplexes Arbeiten erfordern, wie beispielsweise bei Blutgefäßen oder patientenspezifischen Gewebeimplantaten.
Die VDI 5708 Blatt 1 legt technische Standards für die unterschiedlichen Prozessphasen beim Bioprinting fest.
Gedruckte Haut wird bereits in der pharmazeutischen und kosmetischen Forschung eingesetzt, um Tierversuche zu reduzieren. In der klinischen Anwendung wird Hautgewebe aktuell in Studien getestet. Ziel ist es, Wunden bei Brandverletzungen oder in der Notfallmedizin direkt im OP mit Bioprintern zu behandeln. Erste mobile Bioprinter erreichen die Größe einer Bohrmaschine und ermöglichen einen flexiblen Einsatz.
Zukünftige Entwicklungen konzentrieren sich auf:
Hautmodelle mit Haarfollikeln und Schweißdrüsen,
Haut, die sensorische Reaktionen simuliert,
patientenspezifische Hauttransplantate zur Vermeidung von Abstoßungsreaktionen.

Seit 2022 gibt es erste Transplantationen biogedruckter menschlicher Ohrimplantate. Grundlage sind patienteneigene Knorpelzellen, die mit Bio-Tinte gedruckt werden. Der Druckvorgang dauert wenige Minuten, das Ergebnis entspricht der natürlichen Anatomie.
Weitere Entwicklungen betreffen:
Einsatz von Bioprinting bei Gelenkknorpeln, etwa für Knieimplantate,
mobile „Bio-Pens“ zur intraoperativen Reparatur von Knorpeldefekten,
Kombination von Bioprinting mit Stammzelltherapien zur schnelleren Geweberegeneration.

Medikamentenentwicklung ist traditionell ein extrem aufwändiger und langwieriger Prozess, der höchste Sicherheitsstufen durchlaufen muss. Durch biogedrucktes Gewebe können natürliche Organe imitiert und neue Stoffe daran getestet werden.
So werden bereits künstliche Leber- und Nierenmodelle in der präklinischen Medikamentenentwicklung eingesetzt. Diese Organoide bilden, gemeinsam mit „Organs-on-a-Chip“ (Organgewebe auf Chips), die Grundlage für schnelle, zuverlässige Erprobungsphasen.
Anwendungen umfassen:
Leber- und Nierenmodelle für präklinische Medikamententests,
Organoide und Organs-on-a-Chip für die Forschung,
individuelle Tumormodelle für präzisere Krebstherapien.
Zukünftige Schwerpunkte sind:
Integration magnetischer Nanopartikel zur schnelleren Gewebemodellierung,
Organ-on-a-Chip-Systeme mit Sensoren zur Echtzeitüberwachung von Gewebereaktionen.

Die VDI 5708 Blatt 1 liefert verbindliche technische Standards für das Bioprinting. Sie sorgt für eine sichere und kontrollierte Entwicklung neuer Technologien. Die Richtlinie unterstützt die medizinische Forschung bei der Einführung neuer Behandlungsmethoden und schützt gleichzeitig ethische Standards.
Bioprinting entwickelt sich dynamisch weiter. Die VDI 5708 Blatt 1 trägt dazu bei, Innovationen sicher und verantwortungsvoll in die Praxis zu überführen. Sie ist ein wichtiges Regelwerk für alle, die im Bereich Bioprinting arbeiten oder sich über aktuelle Standards informieren wollen.